Die Heart of Darkness-Serie
Eine globale Kunstinstallation für den Frieden

DER TOD UND DAS MÄDCHEN


3. Mai - 29. Juli 2008

Gewölbekeller Königstadt-Brauerei Prenzlauer Berg
Saarbrücker Str. 24
10405 Berlin
Deutschland

Teil III des Projekts "Das Herz der Finsternis" wird in den unterirdischen Kavernen der ehemaligen Königstadt-Brauerei in Berlin installiert. Der Abstieg in eine stygische Unterwelt, die Erfahrung von kalter, klammer Feuchtigkeit, der Geruch von Schimmel und gedämpften Geräuschen, das Fehlen von natürlichem Licht sorgen für ein haptisch unvergessliches Erlebnis. In diesem Raum montierten ukrainische Frauen in Sklavenarbeit Teile der V2-Rakete, der "Wunderwaffe" der Nazis auf der einen Seite, während auf der anderen Seite Berliner Zivilisten Zuflucht vor den Luftangriffen der Alliierten suchten. Diese grausame Absurdität der Nutzung dieses Raums während des Zweiten Weltkriegs inspirierte mich zu einer umfassenden Interpretation des Totentanz-Themas von Matthias Claudius' berühmtem Gedicht Der Tod und das Mädchen (Death and the Maiden).

Der Tod und die Jungfrau

Die Jungfrau:
Geh weiter! Oh, geh weiter!
Geh, grimmiges Skelett!
Ich bin noch jung, du gehst besser
Und rühr mich nicht an!

Tod:
Gib mir deine Hand, du schönes und zartes Wesen!
Ich bin ein Freund und komme nicht, um dich zu bestrafen.
Sei ermutigt! Ich bin nicht grimmig,
In meinen Armen wirst du friedlich schlafen.

Matthias Claudius, 1740 - 1815

Die Installation aus über 100 analogen Schwarzweiß- und Farbfotografien hat eine doppelte Struktur: Leben/Tod, Zerstörung/Wiedergeburt, Opfer/Viktimisierer, Natur/Frauen und Männer, Ost/West, Blumen/Bomben, Magda Goebbels/Sophie Scholl - sie alle tanzen einen Pas de Deux zum Grundthema der Installation: wer repräsentiert den Tod und wer ist die Jungfrau. Es ist auch ein Danse Macabre der weniger bekannten Opfer der jüngeren Geschichte - der Opfer des kaiserlichen Japan, des Bolschewismus, der Roma und Sinti im "Dritten Reich".

Ich strebe bewusst nach Schönheit in meinen Fotografien von Landschaften auf Schlachtfeldern und anderen Konfliktorten, weil Schönheit die Kraft hat, das Herz zu öffnen und dadurch den Betrachter empfänglicher für die mitfühlende Botschaft des Projekts "Das Herz der Finsternis" zu machen. Die Schönheit der Landschaften soll im Betrachter den Wunsch wecken, die Natur zu schützen, alles Leben zu schätzen und dem Krieg den Krieg zu erklären - denn Krieg ist hässlich.

Jedes Segment des "Herz der Finsternis" hat seinen eigenen Farbcode. Der Farbcode für Der Tod und das Mädchen sind alle Schattierungen von Blau. Eisblau wie das gefrorene Herz der Leni Riefenstahl, die blassblauen Weißen Nächte über dem Archipel Gulag, der kalte Nebel und die schwelende Asche, nachdem die Feuer am Morgen nach einem Luftangriff gelöscht wurden, das Babyblau der Vergissmeinnicht und das tiefste Blau des von Anna Achmatowa gewebten Schals der Erinnerung.

- Bettina WitteVeen

  • FRAGMENTE

    Die FRAGMENTE visueller Gedichte, darunter viele Porträts, erforschen die Rolle der Frau in der Geschichte und in der Kriegsführung. Die Frau wird als unschuldiges Mädchen dargestellt - das Opfer einer Vergewaltigung; aber auch als Kollaborateurin mit dem Täter, als Scharfschützin Walküre und als Herrin des Todes.

  • GULAG

    Die GULAG-Installation ist eine visuelle Interpretation von Alexander Solschenizyns "Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch". Während 24 Stunden in Solowetski fotografierte ich Orte des ersten sowjetischen Gulags. Diese großen farbigen Landschaften dominieren die kleinen schwarz-weißen Archivdrucke von Insassen der Strafkolonien in Vergangenheit und Gegenwart. Die Installation zeigt den Tod jeglicher Individualität in einem Arbeitslager. An diesen Wänden hängen keine Porträts. Der Häftling verliert sich in der gesichtslosen Masse der Lager und den gleichgültigen Weiten der Landschaft. Ein Triptychon in Form eines Altars würdigt die weiblichen Häftlinge, die in Solowetski umgekommen sind, und erinnert daran, dass auch heute noch Frauen und Männer in Arbeitslagern schuften und sterben.

  • TODESFUGE

    Die Bilderserie TODESFUGE ist inspiriert von Paul Celans berühmtem Gedicht über den Holocaust. Sie werden im ehemaligen Luftschutzbunker der Brauerei gezeigt. Fotografien, die die Mechanik der Bombardierung aus der Luft und die daraus resultierenden Verwüstungen zeigen, sind so installiert, dass sie die Perversität und Unmenschlichkeit des mechanisierten Todes eindringlich vor Augen führen. Der Prozess der Entpersönlichung, der im GULAG begann, endet hier in den anonymen Stapeln der Leichen der Erschlagenen.

Der Tod und Das Mädchen

Installationsfilm

2008, HD Video, 15 Min. 05 Sek.

Regie: Bettina WitteVeen
Produktion: Henriette Schneider
Kamera: Philip Reinhold
Schnitt: Philip Reinhold / Bettina WitteVeen
Ton: Anne Weigel
Ausstellungsbesucherin: Mireille Staschok